» Nicht in Hagen aussteigen
Stadt, Land, Fluss – Folge 2
Wie dem Straßensänger angst und bange wurde

Als ich neulich in Hagen ausgestiegen bin, merkte ich es sofort. Ich hatte meinen Verstand verloren. Wie ein Blitz schoss mir dieser eine Gedanke noch durch den Kopf: Geh schnell wieder in den Zug und hol’ ihn dir! Doch da war der Warnton des ICE 3, der seine unterste Stufe nicht hatte ausfahren können, weil der Hagener Hauptbahnhof so alte Bahnsteige hat, als eine der verheerensten Auswirkungen der ehemaligen sozialistischen .. äh sozialdemokratischen Landesregierung unter Sparminister Peer Steinbrück, der sich durch seine Niederlage bei den Star-Wars-Landtagswahlen gegen die schwarze Bedrohung in Form einer schon zu Amtsantritt an Altersschwäche leidenden und vom CDU-Kandidaten „Chürgen Rütgerch“, natürlich mit randloser Brille, geführten Regierungsmannschaft selbst zum Finanzminister gekrönt hatte, nachdem er durch diesen Schachzug seinem Genossen Kanzler sozusagen selbst die Vertrauensfrage gestellt und durch die Ankündung seiner Bereitschaft eigens als solcher im Falle der Fälle bereit zu stehen eine große Koalition als geringeres Übel zwischen ihm und Westerwelle alternativlos gemacht hat, bereits erklungen. Ich war am Ende. Wie sollte ich jetzt jemals mein Studium beenden können? Das Schnurren des ICE-Triebwagens der sich mit meinem Verstand in Waggon 21 leichtfüßig an mir vorbeidrückte war wie das Surren einer Stechmücke, die tief in meiner Ohrmuschel ihren Stachel zurechtrückte um mir den letzten Saft meiner Gehirnflüssigkeit aus dem Schädel zu rauben, woraufhin sie, nun im Besitze meines genetischen Materials, sich zu einer gemeingefährlichen Mutation entwickelt und kurzerhand von meinem Kleinhirn besitz ergreift, dass sie binnen weniger Sekunden hinter dem Trommelfell anfindet und mich damit zu steuern beginnt. Ich spüre wie ich willenlos meine Taschen nehme und sie den vorbeigehenden Passanten ins Gesicht schleudere. „Das.. das bin nicht ich! Glauben sie mir! Das ist die Mücke! Sie müssen die Mücke entfernen! Schnell!“ In dieser Zeit hatte ich bereits fünf weitere Passanten, darunter ein Kind und eine herbeigeeilte Schaffnerin, zu Boden gerissen. Ich wütete wie ein Tier auf dem Bahnsteig 6a des Hagener Hauptbahnhofes und schlug mir immer wieder brutal aufs Ohr. Ich war ferngesteuert! Diese Mücke musste ihre feindliche Übernahme von Anfang an geplant haben. Anders konnte ich mir das Versagen jeglicher motorischer und kognitiver Fähigkeiten in meinem Körper nicht mehr vorstellen.
Nachdem ich mir einen Müsliriegel am Bahnsteigautomaten gezogen hatte – ich verfluchte die scheiß Mücke, weil ich eigentlich Ritter Sport Marzipan haben wollte – kamen zwei Bahnbeamte mit roten Hüten auf mich zu. Ich erkannte ihre Zielstrebigkeit sofort und wich überraschend auf die Gleise aus. Hops. Da war ich unten. Komisch, dachte ich, irgendwie hatte ich es mir hier immer anders vorgestellt. Es war als wäre ich in der Gosse gelandet. Nein, eher in einer Art Abwassersystem. Ich ging ein paar Schritte durch die schlammige Brühe und stellte plötzlich fest, dass ich tatsächlich in der Kanalisation gelandet war. Kurzerhand beschloss ich, das gewesene zu vergessen und mich auf den Weg nach Bielefeld zu machen. Ich hatte noch einen Rucksack dabei, der mir gänzlich unbekannt vorkam. Wahrscheinlich gehörte er dem Penner auf Bahnsteig 4, dem ich den Whiskey entrissen hatte, um damit die beiden Bullen in der Eingangshalle niederzuschlagen. Böse Erinnerungen kamen wieder hoch. Wie war ich bloß aus dem Bahnhof gekommen? Wo war der ICE? Und wer leuchtete mich da vorne so aggressiv mit einer Taschenlampe an? Nach ein paar Schritten erkannte ich, dass es bloß das Ende des Abwasserrohres war. Ich frage mich, wie lange ich wohl gegangen sein mag, in diesem viel zu engen und zum Himmel stinkenden Drecksrohr. Es müssen Tage gewesen sein. Meine im wahrsten Sinne des Wortes beschissenen Haare klebten mir überall im Gesicht. Im Mund spürte ich nistende Fliegen.
Ich erwartete das Paradies hinter diesem Ausgang. Wasserfälle, Lianen und blaue Frösche. Als das Licht näher kam, traf ich einen wirklich schrecklich gekleideten Typen namens Klaus. Er trug so eine bescheuerte Latzhose, die mit dem Begriff „Hochwasser“ nicht mehr zu bezeichnen war. Die Träger waren im Grunde nur noch Pro Forma. Ein einziger Sack. Klaus schien irgendwas in der Scheiße zu suchen und war sichtlich überrascht, als ich in anstupste. Klaus und Cemec nahmen mich mit zum Bahnhof. Bielefeld. Was in aller Welt sollte ich in Bielefeld? Gibt es diese Stadt überhaupt? Ohne lange zu zögern, riss ich das Steuer des ohnehin die ganze Zeit gelb blinkenden Abwasser-Staubsauger-Autos herum und zwang die beiden, mich auf dem schnellsten Weg in die Lutterstadt Wittenberg zu bringen. Zu meiner Enttäuschung wussten die Kloputzer nicht wo das liegt. Zu meiner noch größeren Enttäuschung merkte ich dies erst, als wir auf der Autobahn Richtung Duisburg waren. Die Krönung der Enttäuschung dabei war allerdings, dass die blöde Stadtwerke-Karre nicht über 60 fahren konnte und die nächste Abfahrt erst in etlichen Meilen folgen musste. Ich vergnügte mich während der Fahrt mit dem Arzneimittelkasten und ließ mich Ecke A1-A2 rauslassen. Da wollte ich schon immer mal hin. Der wichtigste Punkt der Welt: Die Kreuzung der ersten und der zweiten Autobahn.
Als ich endlich Wasser gefunden hatte, überlegte ich mir, wie ich ein Schild mit der Aufschrift Berlin herstellen könnte. Doch ehe ich mir ernsthaft Gedanken machen konnte, landete neben mir ein zweistreifiger Düsenjet. Ich war äußerst erstaunt über diesen Vorfall. Seit der Mondlandung hatte ich nichts so erstaunliches gesehen. Und die hatte ich nur im Fernsehen verfolgt – etwa 30 Jahre danach. Obwohl, da war noch die WM 1990 in Italien. Das war schon ziemlich erstaunlich. Aber die hatte ich ja offensichtlich vor der Mondlandung gesehen, also war das jetzige Ereignis das definitiv Erstaunlichste seit der Mondlandung. Naja gut, man könnte einwenden, dass die Mondlandung ja schon vor der WM 1990 in Italien war und ich somit nicht das Recht habe, sie als das erstaunlichste Ereignis seit der WM 1990 zu bezeichnen. Aber wen interessiert das schon. Wobei es ja auch Erstaunliches zwischen 1990 und der in meinem Leben erfolgten Mondlandung gegeben haben könnte. Aber was? Ich konnte die Frage zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten. Also nahm ich den Bus nach Leer. Keine Ahnung, wie ich hierher gekommen war. Meine Grasvorräte waren gerade zu Ende gegangen und daher kam es mir recht gelegen, dass ich von hier aus noch den Zug nach Groningen erreichte. Früher dachte ich immer, es wäre eine hässliche Stadt. Aber eigentlich ist nur der Umkreis hässlich. Die Innenstadt hat irgendwie was. Da gibt’s ne Kirche, von der man runtersehen kann und ne Uni, die alt ist. Da gibt’s kleine Gassen und kleine Dingsdas… na wie heißen sie… Grachten! Da gibt’s nen Park, nen Campingplatz und all so’n Mist, den es überall gibt. Ich nahm gleich den nächsten Zug nach Amsterdam, wo mich die Bullen am Bahnhof erwarteten. Ich war geliefert.
Da wollten die tatsächlich meinen Rucksack nach Mäusepest durchsuchen? Als wenn ich so was unkreatives und ideenloses mit mir rumschleppen würde! Na also, sie lassen mich durch. Ich hasse diese ganze Ein-Check-Scheiße an den Flughafen-Gateways. Ich meine, bringt doch ohnehin nichts. Was soll es überhaupt bringen? Ich bin mal wieder überfordert. In solchen Momenten kauf ich mir immer ein Schoko-Croissant und trink nen Kakao. Der Flieger klappert. Ich mache die Stewardess darauf aufmerksam, aber die scheint meine Sprache nicht zu verstehen. Mir wird schlecht. Mit unbeholfenen Handbewegungen suche ich am Körper meines Nachbarn, der konzentriert auf seinen Laptop starrt, nach einer Art Kotztüte oder irgendetwas, dass zu diesem umfunktioniert werden könnte. Nachdem dieser mich etwas angeekelt zurückweist, schnalle ich mich los und kotze in den Mülleimer. Als ich wieder zu mir komme, sitze ich zusammengesackt auf einem Einzelsitz und werde von einer alten Dame beschimpft. Ich kann mich leider nicht bewegen, so dass ich sie nicht sehen kann. Allerdings fällt mein Blick auf den am Boden sitzenden Hund, der ziemlich vollgekotzt aussieht. Offensichtlich habe ich seine zu irgendwelchen Zwecken vors Maul geschnürte Papierröhre für einen Mülleimer gehalten. Ich bemühe mich, meine Ohnmacht fortzusetzen und steige in Bangkok aus dem Flieger.
Es ist vier Uhr morgens. Die Frisur hält. Mein erster Gedanke führt mich zu dem Sinn dieser Reise, doch der zweite verdrängt ihn sofort wieder: Essen. Während ich mir meine ordentliche Portion Hund Rot-Weiß oder Grilled Katze Nuggets vorzustellen versuche, werde ich unentwegt von kleinen Asiaten in gestreiften Klamotten dazu aufgefordert in ihr zu einer Art Hollywoodschaukel umgebautes Fahrrad zu steigen. Ich winke in westlicher Arroganz ab und nehme das nächste Golf-III-Taxi. Nachdem ich feststellen musste, dass der Taxifahrer kein deutsch sprechen kann, mich wohl aber auf englisch für Volkswagen beglückwünscht, entscheide ich mich für die chinesische Mauer. Ein anderes Ziel wäre mir ohnehin nicht eingefallen, weil ich mich hier drüben überhaupt nicht auskenne. Als der VW-Fan zögert, mich hinzufahren, steige ich wieder aus und gehe über den Markt. Drei Stunden später finde ich mich in einem Restaurant wieder, dass eher wie eine Zoohandlung aussieht. Ehe ich mich für eins der zahlreichen Aquarien oder ein paar Wellensittiche entscheiden kann, labert mich der Kellner an. Ich bestelle ein Gericht, dass ich nie vorher gesehen hatte und esse nur den Reis. Plötzlich höre ich ein schrilles Pfeifen und renne schnellst möglichst ans Ufer, um mich in Sicherheit zu bringen. Mit einem in wenigen Minuten selbstgebauten Floß erreiche ich eine kleine Insel, wo ich mir einen Vorrat an Kokosmilch für den Winter anlege. Am nächsten Morgen erscheint mir meinen Handeln als völlig unsinnig und ich nehme am 20 Meter entfernten Bootssteg ein Schiff nach Schanghai. Ich wollte schon immer mal Transrapid fahren.
Der Autor hat in seinem Leben mindestens eine halbe Million Bahnkilometer hinter sich gebracht und dabei fast alle mehr oder weniger bekannten deutschen Bahnhöfe kennen gelernt. Am meisten beeindruckt ihn allerdings immer noch der hoch frequentierte Bahnhof Osterode am Harz Süd.









am 17. May 2006 um 19:36 Uhr
Das MORE-Tag!
Ansonsten: Ich kann Dir nur zustimmen. Hagen ist eine der hässlichsten Städte Deutschlands. Kürzlich stieg ich dort ebenfalls aus, weil sich der politische Geschäftsführer der GRÜNEN JUGEND, Malte Spitz, im Zug eine Stunde hinter mir befand und ich gerne mit ihm nach Berlin reisen wollte. So stieg ich mit den Worten: “Oh, Malte, kein Problem, dann werde ich eine Stunde durch die sozialdemokratische Innenstadt wandern,” aus.
Das hätte ich lieber nicht getan! Die Stadt empfing mich in einem üblen Grau. Ein riesenhafter Beton-Bahnhofsvorplatz liess Übles ahnen – hier haben Grashalme keine Chance! Als ich es endlich über den schier nicht enden wollenden Platz geschafft hatte – und über die Ampel, die wohl nur für Autofahrer GRÜN zeigte – stand ich weiter ratlos herum. Was sollte ich HIER eine Stunde tun?
Mir blieb nur ein Dönermann. Nein, nicht, wie hier schon wieder alle ob meines eklatant schlechten Rufes ausrufen wollen, sondern ich bestellte mir eine Kartoffel zu essen. Der Dönermann empfahl mir eine “typisch türkische Kartoffel” mit Mais und Käse (was daran typisch türkisch ist, weiss ich leider auch nicht) und nötigte mir danach sogar noch eine “Bonuskarte” auf. Auch die Bemerkung: “Nein, danke, ich komme garantiert nie wieder in diese Stadt,” konnte ihn nicht abhalten.
Danach besuchte ich noch den ansässigen ALDI (immerhin Aldi-Nord), dann war die Hagen-Stunde auch schon rum und ich stolperte panisch in den Zug (panisch, weil: Ich hatte verbotenerweise im NichtraucherInnen-Bereich geraucht. Pfui!). Malte begrüßte mich freudig. Dann machten wir unsere Laptops an und sprachen bis Wolfsburg nicht mehr. Naja fast. Lag auch daran, dass wir 20 Plätze voneinander entfernt saßen, denn der Zug war voll. Voller als derjenige, aus dem ich eine Stunde zuvor ausgestiegen war.
Egal, dafür hatte ich dann ja Malte da. Das war besser.
am 3. January 2007 um 12:39 Uhr
Ihr glücklichen, war nur für kurze Zeit dort ich mußte 20 Jahre dort leben bevor ich endlich genug Kohle hatte mir eine Wohnung in Köln zu leisten.
Also wenn wir mal sterben und nicht in den Himmel kommen, sehen wir uns Hagen (Beide Haben die gleiche PLZ)
am 30. January 2007 um 23:14 Uhr
Hört sich ja gar nicht schön an. Erinnert mich ein wenig an Ludwigshafen am Rhein. Wobei’s auch dort interessante Gegenden hat, interessantere vielleicht, als sie das so trendige München vorweisen könnte.